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Himmel

Predigt über das Thema Himmel

 

1. Der Himmel – hell und strahlend auf dem dunklen Hintergrund der Hölle

Von Hans – Dieter Becker, Dozent am Theol. Seminar der FeG, stammt diese Erzählung:
„Zu Rabbi Jankele aus Boryslaw kommt ein Kaufmann und klagt: „Was ist bloß mit dieser Welt los? Ich habe einen Lebensmittelladen und ein Textilgeschäft. Wenn die Welt lebt, müßte ich doch Lebensmittel verkaufen. Ist sie gestorben, müßte ich doch Leichentücher verkaufen (die Juden hüllen ihre Toten in Leinentücher ein). Aber die Kassen meiner beiden Geschäfte haben seit Monaten nicht mehr geklingelt. Was ist bloß los“ „Mein Lieber“, antwortet ihm Rabbi Jankele seufzend: „Die Welt lebt nicht, und sie ist nicht tot. Die Welt quält sich so dahin.“
In dieser Welt leben wir miteinander. Und wir spüren, wie sie sich quält. Da kann es nicht verwundern, wenn Christen sich nach dem Himmel sehnen.
Was also ist der Himmel? Wie stellen wir ihn uns vor?
Unser ältester Sohn wachte als kleiner Junge eines Abends weinend auf. Als meine Frau ihn zu beruhigen versuchte, stellte sich heraus: er hatte vom Himmel geträumt, und daß man dann erst einmal vorher tot wäre. Und seine Angst war, daß man dann ja gar keine Augen mehr hätte und nichts mehr sehen könne. Meine Frau beruhigte ihn, daß wir ja im Himmel ganz neue Augen bekommen würden. „Und welche Farbe haben die?“ fragte Tobias. „Ach, das dürfen wir uns bestimmt aussuchen,“ war die Antwort. Dann – nach kurzem Nachdenken sagte er: „Dann wünsche ich mir gelbgrün – gestriffene Augen.“ Und beruhigt über diese Aussicht schlief das Kind wieder ein. Seitdem blicken wir in gebannter Erwartung auf den Augenblick, in dem wir uns – hoffentlich alle einmal – im Himmel wieder begegnen und einem – dann ehemaligen – Sohn – nun im Himmel – in seine grüngelb – gestreiften Augen blicken. Eine abenteuerliche Erwartung.

2. Der biblische Befund

Die Fülle biblischer Stellenverweise zum Thema „Himmel“ im Alten und Neuen Testament ist verwirrend.
Deutlich aber ist: Der Himmel ist gemacht durch Gottes Schöpferwort:
„Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde….das Gewölbe nannte er Himmel“ – 1. Mose 1,1+8
„..der Herr aber hat den Himmel geschaffen“ – Ps. 96,5
„Vor langer Zeit hast Du, Herr, alles geschaffen. Die Erde und die Himmel, alles ist das Werk Deiner Hände“ – Psalm 102,26
Aber auch von einer Neuschöpfung spricht schon das AT:
„So spricht der Herr: Ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen. An den alten Himmel und die alte Erde wird niemand mehr denken, sie werden vergessen sein“ – Jesaja 65,17
Der Himmel ist der Ort, an dem Christus für seine Gemeinde Vorbereitungen trifft:
„Denn im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen…“ – Joh 14,2
„..freut Euch vielmehr darüber, daß eure Namen im Himmel eingetragen sind“ – Lukas 10,20
Und dann natürlich die Worte der Offenbarung:
„Als das Lamm das sechste Siegel öffnete, gab es ein gewaltiges Erdbeben. Die Sonne wurde schwarz und finster und der Mond rot wie Blut. Und wie der Feigenbaum seine reifen Früchte abwirft, wenn er vom Sturm geschüttelt wird, so fielen die Sterne vom Himmel auf die Erde. Wie eine Buchrolle, die man zusammenrollt, verschwand er Himmel vor meinen Augen. Die Berge wankten und stürzten in sich zusammen, und die Inseln versanken“ – Offb 6,12f
„Dann sah ich eine neue Welt: den neuen Himmel und die neue Erde. Denn der vorige Himmel und die vorige Erde waren vergangen, und auch das Meer war nicht mehr da. Ich sah, wie die Stadt Gottes, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkam: festlich geschmückt wie eine Braut an ihrem Hochzeitstag. Eine gewaltige Stimme hörte ich vom Thron her rufen: Hier wird Gott mitten unter den Menschen sein! Er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein. Ja, von nun an wird Gott selbst in ihrer Mitte leben. Er wird alle ihre Tränen trocknen, und er Tod wird keine Macht mehr haben. Kleid, Angst und schmerzen wird es nie wieder geben; denn was einmal war, ist für immer vorbei. “ – Offb 21,1-4
Und weiter:
„Der auf dem Thron saß, sagte: Siehe, alles werde ich jetzt neu schaffen. Und mich forderte er auf: Schreibe auf, was ich Dir sage, alles ist zuverlässig und wahr. Und weiter sagte er: Alles ist in Erfüllung gegangen. Von A – Z steht alles in meiner Macht. Ich bin der Anfang und ich bin das Ziel. Allen Durstigen werde ich Wasser aus der Quelle des Lebens schenken. Wer durchhält bis zum Sieg, wird dies alles besitzen. Ich selbst werde sein Gott sein, und er wird mein Sohn sein“ – Offb. 21,5-7
Dies ist die biblische Perspektive der neuen Welt Gottes, des neuen Himmels und der neuen Erde. Auch hier spüren wir die Nüchternheit, mit der das Neue Testament über diese Dinge berichtet.

3. Da ist kein Leid mehr – Gottes schöne neue Welt

Dabei beziehe ich mich in Abschnitt 3 und z.T in Abschnitt 4 dieser Predigt auf Gedanken von Klaus-Jürgen Diehl in seiner IdeaSpektrum – Serie „Die Christen und die Endzeit“ (Idea Spektrum 1999, Nr. 50).

Siehe, ich mache alles neu!“ (Offenbarung 21,5) – auf diese Perspektive zielen ja die Pläne Gottes mit seiner ganzen Schöpfung. So wie er am Anfang aus dem Nichts heraus diese Welt geschaffen hat, so wird er am Ende der Zeiten einen völlig neuen Himmel und eine neue Erde in Erscheinung treten lassen. Nicht der Mensch erobert sich das Paradies zurück – nein, das „neue Jerusalem“ (Offb, 21,2) als Symbol der neuen Welt Gottes wird vielmehr „aus dem Himmel herabfahren“, d.h. es wird Gottes gnädige Herablassung sein. Die paradiesische Welt wird nicht von unten nach oben gebaut, denn solches Bauen führte immer nur zu einem Turmbau zu Babel (1. Mose 11) oder zu Babylon (Offb. 17/18), d.h. zu menschlicher Anmaßung und Überheblichkeit. Gott selber ist der „Baumeister und Schöpfer“ (Hebr. 11, 10) des neuen Jerusalems, das – obwohl es für Christen noch eine Verheißung ist – längst schon vollendet ist (vgl. Joh. 14,2; Gal 4,26). Der Weg zurück ins Paradies führt nach der Offenbarung des Johannes allerdings nur über das Gericht. Und die Gegenseite zum Himmel bleibt die Hölle mit dem Schrecken der Gottesferne und der Verlassenheit des Menschen. Was verheißt die Bibel uns in bezug auf den Himmel?

a. Eine Totalerneuerung statt Runderneuerung

Johannes beginnt seine Schilderung der schönen, neuen Welt Gottes mit der Bemerkung, daß „der erste Himmel und die erste Erde vergangen“ sind (Offb. 2 1, 1). Ausdrücklich wird hinzugefügt, daß auch „das Meer nicht mehr ist. Das bedeutet biblisch: die Quelle, aus der alles Dämonische in die Welt sich wie schleichendes Gift ausbreitete, ist nicht mehr vorhanden. Fortan wird es keine Versuchung, keine Verführung, keine Bosheit mehr geben.

Vom Himmel her wird sich dann auf die neue Erde das neue Jerusalern herabsenken. War das alte Babylon eine Hure, weil sie zum Abfall gegenüber Gott verführte, so erscheint das neue Jerusalem wie eine geschmückte Braut, die dem Bräutigam (d. h. der vollendeten Gemeinde der Erlösten) entgegen geführt wird. Denn das Endziel der göttlichen Heilsgeschichte besteht nicht in einer privaten Begegnung des Einzelnen mit Gott. Die für immer Erlösten begegnen Gott vielmehr in einer großen Gemeinschaft. Das neue Jerusalem wird als ein geordnetes Gemeinwesen vorgestellt, in der die Beziehungen untereinander heil und die Nöte der vergangenen Zeit endgültig überwunden sind. Gottes endgültiges Heil will eben nicht nur die Erlösung des Einzelnen, sondern die totale Erneuerung der gesamten Schöpfung: Sie ist nicht nur personal – auf den einzelnen Menschen bezogen, sondern zugleich universal. Es geht Gott also nicht nur um die Erfüllung unserer ganz privaten Hoffnungen auf den Himmel. Er hat die ganze Welt im Blick. Und er wird manche unserer sehr persönlichen Himmelsvorstellungen zerstören und uns damit sicherlich arg verwundern. Karl Barth, Schweizer Theologe zur Zeit des Dritten Reiches in Deutschland, soll einmal auf die Frage einer frommen Frau „Werden wir wohl im Himmel unsere Lieben wiedersehen?“ – spontan geantwortet haben: „Machen Sie sich darauf gefaßt: nicht nur Ihre Lieben“ ……..

b. Ganz nah bei Gott – kein Wunsch, sondern Wahrheit

Die neue Welt wird bestimmt sein durch die unmittelbare Gemeinschaft Gottes mit seinen Menschen. Das wird in Offb. 21,3.4 zunächst damit veranschaulicht, daß Gott mitten unter den Menschen „seine Zelte aufschlagen“ (so wörtlich) und fürsorglich wie eine Mutter, die die Tränen ihrer Kinder abwischt, für jeden einzelnen da sein wird. Später erzählt der Seher Johannes noch, daß im neuen Jerusalem kein Tempel mehr gebraucht wird, weil Gott nicht mehr in einem eigens ihm geweihten Haus gesucht und angebetet werden muß, sondern nun für immer den Menschen von Angesicht zu Angesicht begegnet. Können wir irdischen Menschen das Angesicht Gottes nicht anschauen. weil wir in seinem Herrlichkeitsglanz vor Scham vergehen müßten (vgl. Jes. 6,5), so leuchtet es uns in seiner neuen Weit in wohltuender Klarheit und Wärme (Offb. 22,5), um uns ewig zu erfreuen. Selbst die Sonne und der Mond werden dann überflüssig sein.
In Offb. 21,5-8 geschieht übrigens für das Buch der Offenbarung etwas ganz Ungewöhnliches und Einmaliges: Gott selbst bestätigt eindeutig, daß jenes BiId der neuen Welt nicht frommem Wunschdenken entspringt, sondern daß die Vision des Johannes wahr ist. Er selber gibt Johannes den Befehl, diese Worte als unerschütterlich feststehend für jene Gemeinden aufzuschreiben, die gerade zu dieser Zeit in ihrem Glauben Not und Verfolgung erleiden. Gott selbst gibt zu Protokoll, worauf Menschen ihn zu allen Zeit festlegen bzw. behaften können. So erhalten die Visionen des Johannes und ihre Deutung mit diesem von Gott selbst verbürgten „Gütesiegel“ ein besonderes Gewicht.

c. Die neue Welt Gottes – ein Ort versöhnter Gegensätze

Gottes neue Schöpfung wird uns in Offb. 21 zunächst als eine Metropole ungeheuren Ausmaßes vorgestellt: Das neue Jerusalem ist wie ein riesengroßer Kubus mit einer Ausdehnung von je 2.220 Kilometern Länge – letztlich für uns unvorstellbar. Vom äußeren Erscheinungsbild her eine beeindruckende Pracht: Goldene Plätze und Straßen, Stadtmauern aus wertvollen Edelsteinen sowie Stadttore aus kostbaren Perlen – der Inbegriff des Reichtums an Geborgenheit und Frieden, an Gütern und Kultur, an Frohsinn und Leben: die große Stadt als Ziel menschlicher Sehnsucht wie göttlicher Pläne. Doch während wir die großen Städte heute immer wieder als lebensbedrohlich, sozial kalt und anonym erleben, schafft Gott mit dem neuen Jerusalem das genaue Gegenstück: endlich eine Großstadt, in der niemand übersehen, unterdrückt oder einsam wird, sondern in der das Leben aller gelingt.
Dennoch beschränkt sich die Vision der neuen Weit Gottes nicht auf das Bild einer riesigen Großstadt. Denn in Offb. 22 ist plötzlich von einem kristallklaren Strom die Rede, der „beim Thron Gottes und des Lammes“ entspringt. Sein Wasser spendet Leben, aus dem üppigstes Wachstum und reicher Segen hervorgehen: In schier unversiegbarer Fülle tragen die Lebensbäume an beiden Seiten des Stromes jeden Monat neue Früchte. So gehört zum Bild der neuen Welt auch das der unversehrten, üppig – fruchtbaren Natur.
Der Seher Johannes schildert uns die neue Welt Gottes als versöhnte ganzheitliche Schöpfung, in der nicht mehr wie noch in der alten Welt großstädtisches und ländliches Leben, Technik und Natur, Erste Welt und Zwei – Drittel – Welt wie unversöhnte Gegensätze auseinanderfallen. Die neue Weit Gottes ist eine Welt, in der die Menschen in versöhnter Verschiedenheit und in Harmonie mit der gesamten Schöpfung vor Gottes Angesicht leben werden.

4. Faszinierender Ausblick

Mit seinem bekannt gewordenen Sketch über den Münchner Dienstmann Aloysius, der partout nicht in den Himmel will, hat der bayrische Volksdichter Ludwig Thoma auch die Einstellung vieler Menschen unserer Tage getroffen, wenn sie an den Himmel denken.

Wer Aloysius nicht kennt: er ist verantwortlich dafür, daß die bayerische Staatsregierung leider bis auf diesen Tag immer noch auf eine göttliche Eingebung verzichten muß, weil der himmlische Überbringer dieser Botschaft, Aloysius, auf dem Weg zum Maximilianeum zu einer Maß Bier kommt, und dann zu noch einer..und den Rest können Sie sich denken.
Für Aloysius jedenfalls, den „Engel wider Willen“, ist der Himmel der Gipfel der Langeweile und Gleichförmigkeit. Den ganzen Tag mit den himmlischen Heerscharen vor dem Thron Gottes stramm zu stehen, sich zu bekreuzigen und fortwährend „Halleluja“ und „Hosianna“ zu jauchzen: da vergeht einem doch der Spaß!
Andere argwöhnen, daß sich hinter dem Ausblick auf ein himmlisches Jerusalem mit seinen goldenen Gassen nur eine naive Jenseits – Vertröstung verberge – ohne irgendeinen realen Bezug zur Zukunft.

Zugegeben: Die Bilder äußerer Pracht – z.B. das himmlische Jerusalem – faszinieren an den Schilderungen der Offenbarung wohl nur noch wenige Menschen. Das hängt gewiß damit zusammen, daß wir in jenem Teil der Erde leben, der von materiellem Überfluß geprägt ist. Für Menschen, die so wie die Leser der Offenbarung damals in äußerer Armut leben müssen, werden diese Bilder von der goldenen Stadt jedoch die eigene Hoffnung beflügeln, wie es z.B. unzählige Negro – Spirituals aus der Zeit der Sklaverei widerspiegeln.

Mich selber hingegen fasziniert der Ausblick auf das endgültige Heilwerden meines Lebens, ja der gesamten Schöpfung in der unmittelbaren Gemeinschaft mit Gott. Keine Tränen, kein Leid, keine Schmerzen, kein Tod mehr! Ja, darauf freue ich mich – daß in den liebenden Armen Gottes einmal alles gut wird. Darum berührt es mich tief, daß ich dann Gott in seiner Herrlichkeit schauen darf und sein Glanz mich nicht mehr blenden wird. Das All wird erfüllt sein von dem unbeschreiblichen Jubel der für alle Zeit Erlösten: endlich sind wir am Ziel.

Am Schluß dieser Predigt nun noch ein paar nachdenkenswerte Impulse und ein paar sehr persönliche Überlegungen und Hinweise:

Eine Kinderbuchreihe hat vor Jahren meine Frau und mich fasziniert, sodaß wir sie einander vorgelesen haben: die 7 Bücher mit Geschichten aus Narnia, von C.S. Lewis. In dieser Bücherfolge wird die die Erlösungstat Christi in eine Welt der Faune und Elfen versetzt (was übrigens nichts mit Esoterik zu tun hat) und dem Erlöser Jesus Christus die Gestalt eines mächtigen Löwen gegeben. Und der Himmel, so wie ihn dieses Buch darstellt, ist – nicht nur für Kinder – alles andere als langweilig. C.S. Lewis liegt hier m.E. nicht falsch, wenn er den Himmel – ausgehend vom himmlischen Jerusalem – erscheinen läßt als eine idealisierte Welt voller Kraft und Schönheit, voller innigster Gefühle, in der auch Landschaften wiedererkennbar werden. Die Kinder erkennen dann – auf München übertragen – die Bergkette der Werdenfelser Alpen mit Alp- und Zugspitze wieder – nur verherrlicht und in ein wunderbares göttliches Licht getaucht, gereinigt von allem Zerstörerischen und kraftvoll vergrößert, so wie alles im Himmel vor Schönheit strotzt und selbst die Berge jubeln angesichts des Anbruchs der erneuerten Schöpfung Gottes. Voller Rührung habe ich damals beim Lesen dieser Beschreibung des Himmels Gott gedankt für diese Perspektive eines Himmels, der alles andere als langweilig ist; der überzeugt, der Gott verherrlicht und mein dann himmlisches Herz erfüllen wird mit einer nie gekannten großen Freude und Dankbarkeit über so eine Schöpfung Gottes. Auch darauf freue ich mich. Im Vergleich zu dieser himmlischen Welt kann man das, was wir hier vor Augen haben, nur als einen langen Schatten verstehen, als eine Scheinwirklichkeit, die in keinem Vergleich steht zu der Neuschöpfung – so wie das alte Jerusalem zum himmlischen Jerusalem unvergleichlich ist, nur ein Schatten der Wirklichkeit.

Und die Hölle? Wo bleibt im Vergleich dazu dann einmal die Hölle?

Der Ort des Schreckens, der uns hier auf dieser Erde so groß und gefährlich vorkommt? Wo bleiben die Kräfte, die uns jetzt noch so quälen können und uns sogar in Gefahr bringen können, des Himmels verlustig zu gehen.
Die Bibel macht eines ganz klar: Im Vergleich zum Himmel und zur Macht Gottes ist die Hölle nicht nennenswert. Gott würde sich damit nicht abgeben, wenn er uns schwache kleine Menschen nicht dauernd davor warnen müßte.
Auch hier hilft ein Bild von C.S. Lewis aus seinem Buch „Die große Scheidung“. Lewis beschreibt dort die Vision eines Sehers, der ins Paradies, sozusagen ins Vorzimmer des Himmels, geraten ist, nachdem er vorher einen Blick in die Hölle tun durfte, und der nun im Paradies, überwältigt von der Kraft und Schönheit des vorausstrahlenden Göttlichen, einen himmlischen Boten fragt: Wo eigentlich ist diese Hölle, die so unendlich groß und riesig und düster erscheint, wenn man sie von innen betrachtet – so wie dieser Visionär das javor kurzem konnte.
Und dann? Dann – ich lese aus diesem Buch („Die große Scheidung“, Johannes-Verlag Einsiedeln, 1980, S. 129ff):
„…Mein Lehrer lächelte seltsam. „Sieh,“ sagte er und ließ sich auf Hände und Knie nieder. Ich tat das gleiche (wie das meine Knie schmerzte!), und da sah ich, daß er einen Grashalm abgepflückt hatte. Die Halmspitze als einen Zeiger benutzend, ließ er mich, nachdem ich sehr genau hingeschaut hatte, einen Spalt im Boden sehen – einen so kleinen Spalt, daß ich ohne seine Hilfe ihn nicht hätte unterscheiden können.
»Ich kann nicht mit Bestimmtheit sagen«, sprach er, »ob gerade das der Spalt ist, durch den Ihr heraufgekommen seid. Aber gewiß kamt Ihr durch einen Spalt nicht größer als dieser.«
»Aber – aber«, keuchte ich mit einem Gefühl von Verwirrung, das sich dem Entsetzen näherte. »Ich sah einen unendlichen Abgrund. Und Felsen, hoch und höher ragend. Und dann dies Land oben auf dem Felsen.«
»Gewiß. Aber diese Reise war eine Reise nicht nur durch den Raum. Jener Bus und ihr alle darin habt auch an Umfang zugenommen.«
»Willst du also sagen, daß die Hölle – die endlose, leere Stadt – unten drin steckt in einem kleinen Spalt wie diesem?«
„Ja. Die ganze Hölle ist kleiner als ein Kieselstein eurer irdischen Welt. Sieh dort den Schmetterling. Wenn er die ganze Hölle verschluckte, die Hölle würde nicht groß genug sein, ihm irgendeinen Schaden zu tun oder irgendeinen Geschmack zu haben.«
»Sie erscheint groß genug, wenn man darin ist, Herr.« »Und dennoch: alle Einsamkeiten, Zornanfälle, Haßempfindungen, Neidgefühle und Gelüste, die sie enthält – drängte man sie alle zusammen in eine einzige Erfahrung und legte sie in die Waagschale gegen den kürzesten Augenblick der Freude, empfunden von dem Geringsten im Himmel – sie würde nicht Gewicht genug haben, um überhaupt einen Ausschlag zu geben. Den Schlechten gelingt es nicht einmal, so wahrhaft schlecht zu sein, wie das Gute gut ist. Wenn aller Jammer der Hölle zusammengenommen in das Bewußtsein jenes winzigen gelben Vögleins eindringen könnte, er würde ohne Spur verschluckt werden, so als ob man einenTropfen Tinte in jenen großen Ozean fallen ließe, im Vergleich zu dem der Stille Ozean auf Erden ein bloßes Molekül ist.«
„Ich sehe«, sagte ich schließlich. »Sie würde nicht in die Hölle hineingehen.«
Er nickte. »Es wäre kein Raum für sie«, sagte er. »Die Hölle könnte ihren Schlund nicht weit genug öffnen.« »Und könnte sie sich nicht kleiner machen – du weißt schon, wie Alice im Wunderland?«
»Nicht annähernd klein genug. Denn eine verdammte Seele ist fast nichts. Sie ist geschrumpft, in sich verschlossen. Gott schlägt unaufhörlich auf die Verdammten wie Tonwellen auf die Ohren der Tauben, aber sie nehmen es nicht auf. Ihre Fäuste sind geballt, ihre Zähne zusammengebissen, ihre Augen fest geschlossen. Erst wollen sie nicht, und am Ende können sie nicht ihre Hände für Gaben öffnen, ihren Mund für Nahrung, ihre Augen zum Sehen.«
»So kann niemand je zu ihnen gelangen?
»Nur der Größte kann sich klein genug machen, um in die Hölle einzugehen. Denn je höher ein Ding, um so tiefer kann es hinabsteigen – ein Mensch kann mit einem Pferd mitfühlen, aber ein Pferd nicht mit einer Ratte. Nur Einer ist in die Hölle hinabgestiegen.«“

– Verstehen Sie: wir haben uns einen Sonntag vor einigen Wochen Zeit genommen, um über die Hölle nachzudenken. Im Vergleich dazu müßten wir – was die Bedeutung und Größe betrifft – einige tausend Jahre über den Himmel nachdenken. Dazu werden wir im Himmel Zeit genug haben. Für heute muß eine Predigt wie diese und Ihre Nacharbeit zu Hause genügen. Aber Vorfreude wollte ich machen – auf den Himmel.

Etwas ganz persönliches am Schluß:
Ein Gedanke hat meine Frau und mich getröstet, als wir vor ca. 17 Jahren am Grab unseres zweiten Sohnes Stefan standen:
daß wir im Himmel einmal begrüßt werden von einem Wesen, das dann dem Idealbild des Schöpfers entsprechen und nicht mehr geprägt sein wird von der Behinderung und dem Syndrom, die ihm schon nach wenigen Stunden das Leben auf dieser Erde unmöglich gemacht haben. Im Himmel wird es keine Behinderungen mehr geben; keine chronischen Krankheiten, keine körperlichen Zerstörungen. Das tröstet sehr und macht gespannt auf das, was kommt.
Im Himmel wird es keine Tränen mehr geben, keine Todesangst, keine schmerzhafte Trennung, keine schreckliche Diagnose, keine Arbeitslosigkeit, keine belastende Alterungserscheinung, keine Intrige, kein Mobbing, keine Zukunftsängste, keine Depressionen, keine Haßgefühle, keine schmerzenden Verletzungen der Seele, kein Schuldigwerden, keine Kluft zwischen Mensch und Mensch, keine Verzweiflung, keine Einsamkeit.
Gott wird in der sichtbaren Dreieinigkeit alles ausfüllen. Und ich werde, hoffentlich zusammen mit Dir, voller Freude miteinstimmen in das Lob seines Namens, seiner Herrlichkeit. Auch darauf freue ich mich. Und darauf, mit möglichst vielen von Ihnen dann ewig zusammenzusein. Und wer jetzt vielleicht stöhnt: Oh weh – eine Ewigkeit lang zusammen mit Gerd B. – nun ja, der mag sich trösten damit, daß wir da oben ja nicht alle auf einem Flecken hocken werden, und daß der größte Langeweiler im Himmel doch noch irgendetwas liebenswertes haben wird. Also – Kopf hoch zum Dankgebet – und:
Amen.

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